10 depressive Denkfehler

Wenn die Depression den Blick verschleiert, verliert die Welt ihre Farben

Die Depression hat die perfekte Strategie, um Betroffene in ihre schwarze Welt zu ziehen: Sie manipuliert das Denken. Sie legt einen Schatten darüber, wie die Person über sich selbst, ihre Umwelt und ihre Zukunft (oder die Zukunft im Allgemeinen) denkt. Wie eine Sonnenbrille verfärbt sie die Wahrnehmung – zum Negativen. Da helfen die nett gemeinten Sprüche „sieh doch mal das Positive“ herzlich wenig. Dafür müsste nämlich erstmal die depressive Brille abgesetzt werden – aber die ist ja leider im Kopf und nicht auf der Nase. Welche Strategien die Depression einsetzt, um die Welt, dich und deine Zukunft zu verdüstern, das erfährst du jetzt:

  1. Ausgewählte Verallgemeinerung: Im Alltag widerfahren uns schöne und weniger schöne Dinge. Und normalerweise nehmen wir beide Seiten wahr: „Der Tag im Park war super nett, die Musik war gut, nur dass sich Anne und Lars am Ende gestritten haben war echt nervig„. Die Brille der Depression ignoriert all das Positive und verallgemeinert den einen negativen Aspekt auf die Gesamtsituation, ja sogar auf das ganze Leben: „Egal, was ich mache. Am Ende endet es immer im Streit. Der ganze Tag war einfach nur bescheuert. Mein Leben ist schrecklich“.
  2. Willkürliche Schlussfolgerung: Eine soziale Situation richtig zu deuten, ist nicht einfach. Viele verschiedene Aspekte spielen eine Rolle. „David hat sich seit ein paar Tagen nicht gemeldet. Er hat Ende der Woche eine wichtige Prüfung und zudem ist er gerade neu verliebt„. Mit der depressiven Brille wird mittels eines einzigen Blickwinkels die Gesamtsituation bewertet – ohne zu überlegen, ob es noch andere, unbeachtete Aspekte gibt. „David hat sich seit drei Tagen nicht gemeldet, obwohl er schreiben wollte. Er findet mich doof und will mit mir nichts zu tun haben„.
  3. Gedankenlesen: Die depressive Brille behauptet von sich, zu wissen, was andere Menschen über ihren Träger denken. Und da lässt sie sich von niemandem rein reden. „Mein Chef denkt, dass ich ein Versager bin. Der will mich los werden“ oder auch „Meine Therapeutin hat auf die Uhr geschaut. Nicht mal sie hat Lust, mit mir zu reden.
  4. Katastrophisierung: Die depressive Brille geht pauschal von dem schlimmstmöglichen Ausgang aus. „Ich habe eine Vier geschrieben. Ich werde auf jeden Fall sitzen bleiben. Ich werde nie einen Abschluss machen. Mein Leben ist verpfuscht“.
  5. Schwarz-weiß-Denken: Das typische Alles-Oder-Nichts-Denken. Entweder, alles funktioniert gut, oder alles ist schlecht. Und leider gibt es im Leben meistens viele Betrachtungsweisen, da hat die Depression es leicht. „Meine Nase ist zu groß. Ich bin einfach nur hässlich“.
  6. Befehlsform: Die Depression stellt hohe Anforderungen – und führt dir liebend gern vor Augen, dass du diesen nicht gerecht wirst. „Ich muss morgens früh aufstehen. Sonst bin ich ein Nichtsnutz.“ oder auch „Man darf Verabredungen nicht absagen.“
  7. Personalisierung: Mit der depressiven Brille liegen die Gründe dafür, dass etwas schlechtes passiert, in der eigenen Person. Immer. Generell. Allgemein. Andere Ursachen blendet die Depression aus. „Der Kunde hat den Auftrag abgelehnt, weil meine Präsentation schlecht war“ Dass die Konkurrenz vielleicht ein besseres Angebot hatte, das interessiert die Depression überhaupt nicht.
  8. Über-/ Untertreibung: Oder auch das Mini-Max-Prinzip. Die Bedeutung eines positiven Erlebnisses („Eine Zwei in Sport bekommt ja jeder hin“) wird als minimal, eingeschätzt. Einem negativen Ereigniss dagegen wird eine maximale Bedeutsamkeit anerkannt („Wer in Mathe eine Vier hat, der wird es im Leben nie zu etwas bringen“).
  9. Emotionale Beweisführung: Die Depression nutzt hier eine ganz raffinierte Strategie. Das, was du fühlst, wird als wahr angenommen. Dass die Gefühle, ebenso wie das Denken, durch die Depression negativ beeinflusst werden, dass ist ihr dabei ganz egal – sonst würde diese Strategie ja auch nicht funktionieren. „Ich fühle mich allein. Das bedeutet, dass ich keine Freunde habe und niemand etwas mit mir zu tun haben will. ich bin ganz allein auf der Welt“ anstelle von „Ich fühle mich allein, weil mein Freund mit mir Schluss gemacht hat. Das ist schlimm, aber zum Glück habe ich Freunde, die für mich da sind“.
  10. Etikettierung: Die Depression klebt dir ein Etikett auf – und zwar ein Negatives. „Ich wurde nicht befördert. Ich bin ein Versager“ oder „Ich habe das Treffen mit Joe abgesagt, ich bin eine schlechte Freundin„. Anstatt, dass du die vielen Facetten deiner Persönlichkeit wahrnimmst, siehst du nur noch deine Schwächen und deine Depression. Alles andere wird von der Depressionsbrille ausgeblendet. Eine Meisterleistung der Depression!

Erkennst du dich in diesem Denken wieder? Hast du auch die Brille der Depression in deinem Kopf? Hat sie deine Gedankengänge verändert? Gegen diese Brille anzugehen ist nicht einfach, aber machbar. So wie sich die Brille in deinen Kopf setzt, so kannst du sie auch wieder daraus entfernen. Um gegen die Depression anzugehen, ist es wichtig, zu verstehen, wie sie arbeitet, um dich immer tiefer rein zu ziehen. Je mehr du weißt über eine Depression, desto einfacher wird es für dich, gegen sie anzugehen.

Zur Info: Aufgedeckt hat diese „irrationalen Annahmen“ („irrational beliefs“) übrigens Aaron Beck im Jahr 1976.

Und noch etwas: Bei einer sehr schweren Depression können diese Fehler im Denken sogar bis zum Wahn oder auch zu Halluzinationen führen. Dann spricht man von einer „schweren depressiven Episode mit psychotischen Symptomen„. Typisch sind der Verarmungs- und der Verschuldungswahn.

4 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s